Den "Butt" hatte ich bis Seite 82 gelesen und ihn dann, hinreichend mit dem hyperaktiven Fisch vertraut, auf dem obersten Bord meines Bücherregals abgestellt. Dort stand er lange Wochen ohne besonders aufzufallen.  Hausspinnen fanden sich ein und ein besonders schönes Exemplar der Aranea diademata hatte ihn als Ankerplatz für ihr feinseidenes, ausholendes Netz vereinnahmt.

Eines Tages aber vermisste ich die Spinnen. Der Netzhimmel über dem Regal war verschwunden, stattessen war der Butt von glänzenden Fäden überzogen. Aus seinen kiemenartig geöffneten Seiten staken dürre Insektenbeine und unverdauliche Chitinflügel hervor. Der Fall war klar. Ich schrieb an Günter Grass, um ihm von seinem gefräßigen Butt zu berichten.
Der Dichter reagierte nicht. Später erfuhr ich, dass er über das auffällige Verhalten seines Butt  früher schon unterrichtet worden war. So soll dieser eine dreißigjährige Apothekerin aus Hildesheim, die ihn im Bett gelesen hatte und dabei eingeschlafen war, nach dem dritten Busen abgesucht haben – jenem Tertiären am Sekundären der Urfrau, wie es  Grass in seinem Werk seitenlang und mehrmals beschrieben hat. Grass antwortete damals noch, fragte allerdings ungnädig nach, ob es sich hier nicht um das Traumerlebnis in einer  REM-Phase der Apothekerin gehandelt habe, in der ähnliche erotische Phantasien doch üblich seien.

In seinem  Darmstädter  Verlag hegt man die Vermutung, von den Übergriffen des Butt seien vor allem Leser betroffen, die ihr Interesse verloren hätten, sich mit ihm, dem sprechenden Fisch,  und seiner bizarren Denkweise eingehender  zu befassen -  eine These die ich durch einen Vorfall aus meinem  Bekanntenkreis bestätigen kann. Mein Freund Theo Ehrlich, Germanist und geübt im Lesen voluminöser Werke, war bis zur Seite 201 vorgedrungen, schenkte danach aber dem Butt keine Beachtung mehr. Der verbiesterte Fisch rächte sich, indem er eines Nachts die zur Korrektur ausgebreiteten Deutschaufsätze der Klasse 11B mit grünlichem Blumenwarser besudelte. Dr. Ehrlich, bekannt dafür, dass er auf saubere Hefte Wert legte, musste sich bei  grinsenden Schülern mit einer erfundenen Ausrede entschuldigen.

Bemerkenswert auch der folgende Vorfall, der mir vom Direktor des Steigenberger Hotels in Bonn zugetragen wurde. Ein Verehrer hatte der Hotelköchin in Anspielung auf ihren Beruf den Butt zu Weihnachten geschenkt. Sie war über Seite 9  nicht hinausgekommen und fand, für mich kaum überraschend, grau-braunen Fischroggen auf ihrer mit Cassis verfeinerten Kirschkonfitüre. Ohne Hinterlist schenkte sie das dickleibige Werk dem Empfangschef zum 50. Geburtstag. Dieser wiederum übereignete es nach der Lektüre von 28 Seiten der Hotelbibliothek. Der von Berufs wegen verschwiegene Empfangschef hat sich über die Rache des Butt nie geäußert. Man weiß aber, dass er,  nachdem er das Werk dort abgelegt hatte,  aus dem Lesesaal mit blutendem Finger zurückgekehrt war.

Der  nächste Leser, ein anglikanischer Bischof, legte das Buch mitten im ersten erotischen Kapitel beiseite. In der folgenden Nacht wurden einige Seiten der Familienbibel des Bischofs zerfetzt, so vor allem Psalm 8,7 („Du hasst den Menschen zum Herren gemacht über die Fische des Meeres und alles, was im Meere da schwebt.“)

Leider müssen wir unsere Geschichte damit beenden, dass eine unbesorgte US-Journalistin den Butt zum Swimmingpool mitnahm, wo er ihren Händen entglitt und über den Beckenrand sprang. Jetzt scheint er sich in den Abflussrohren des Pools aufzuhalten. Von dort aus vorstoßend soll er badende Gäste, vorwiegend solche, in denen er nachlässige Grass-Leser vermutet, durch kleine Bisse belästigen.

Günter Grass, wie gesagt, will das alles nicht wahrhaben. Dabei könnte er, wenn er alle Taten seines Fisches registrierte, noch einmal ein 700-Seiten-Buch über seinen Butt schreiben. Diesen Butt II würden viele Leser, bestimmt aber die Betroffenen,  mit Interesse lesen.

 
© Werner Hadulla - Bild-Quelle: "Der Butt" von Günter Grass