Ich habe schon immer davon geträumt.

 Wenn mein in Windeln liegendes Brüderchen seine Schreikrämpfe bekam, habe ich mir die Ohren zugehalten - und bestimmt tat ich dasselbe, wenn Tanten mit süßer Stimme sein Näschen bewunderten. Damals wartete ich darauf, dass sie ihren Blick auch auf mich werfen  würden. Aber ich war fünf Jahre älter und nicht mehr so betrachtenswert.

Schon damals wünschte ich mir, ich könnte nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren schließen. Später habe ich das in der Schule ersehnt oder bei Predigten in der Kirche, dann vor Feldwebeln in der Kaserne und bis zum heutigen Tag habe ich dasselbe Verlangen,  etwa bei wortbeschwingten Nachbarn und Kollegen, von den Prüfungen am Telefon gar nicht zu reden.

Vielleicht habe ich mich deswegen der Genetik zugewandt, um es genauer zu sagen, ich bin Humangenetiker geworden. In mir reifte der Gedanke, im Labor das nachzuholen, was die Evolution uns Menschen vorenthalten hat. Während andere Forschungsinstitute sich auf breiter Front allen vorstellbaren Zukunftsprojekten zuwenden, widme ich mich simpel und ausschließlich der genetischen Konstruktion von schützenden Lidern für die Ohren, so wie sie im Tierreich, zum Beispiel bei Fischottern vorkommen.

Vor etlichen Jahren habe ich mit der Implantation von Ottergenen bei in gleicher Weise notleidenden Probanden begonnen. Erstaunlich, wie viele Freiwillige sich dazu bereit finden. Mein Projekt erwies sich von Anfang an als ermutigend, wenn auch zuweilen  problematisch.  Proband Nr. 9 zeigte über den Ohren Ansätze von dehnbaren Liderhäutchen, zugleich aber wuchs ihm im unteren Bereich ein haariger Schwanz an, wie unsere Ottern ihn beim Schwimmen zum Steuern einsetzen. Es brauchte dann Dutzende von weiteren Versuchen, bis bei Proband Nr.  55 an beiden Ohren völlig wasserdichte, zugleich gegen akustische Wellen schützende Lider wuchsen. Seine Frau hat mir  nach 9-monatiger Behandlung berichtet, dass er verträglicher werde, jetzt aber mehrmals am Tage  in der randvollen Badewanne läge und nur schwer herauszubringen sei.

Vielversprechend sind meine Versuche mit den Genen der Riesenotter Pteronura brasiliensis. Sie wirken zurzeit in 35 von 100 Fällen positiv, führen allerdings zu groben, ich muß gestehen, so unschönen Ohrlidern, dass ich meinen Probanden rate, sich auf buschige Frisuren einzustellen. Am unauffälligsten könnten Frauen solche Lider verbergen, aber leider ist die einschlägige Genbehandlung bis heute mit einer verstärkten Behaarung am ganzen Körper verbunden. Weibliche Freiwillige sind nicht zu gewinnen.

Ich werde noch einige Jahre experimentieren müssen. Doch des endlichen Erfolges – nämlich der von Nebenwirkungen freien Anbringung von Ohrlidern am Menschen - bin ich mir sicher. Wenn es so weit ist, werde ich mir selbst Ottergene einpflanzen, und zwar,  sollte ein Restrisiko bleiben und falls  ich dann noch über genug Kopfhaar verfüge,  die zuverlässigen Erbträger der Riesenotter aus Brasilien.


© 2005 Werner Hadulla