Dynamisch Fernsehen                                       

Mein Schwager Gerd Krausmann rief an, um mir mitzuteilen, dass Jutta mit den zwei Kindern ihn verlassen habe. Ich wusste es bereits.

Es hatte sich wie immer abgespielt: Krausmann wird unausstehlich, wenn er an einem Manuskript arbeitet und man tut gut daran, einen Bogen um ihn zu machen, wenn die Ablieferung näher rückt. Meine Schwester pflegt dann zu Vater zu flüchten, sofern der Schulkalender ihrer Kinder es erlaubt. Diesmal kam Neues hinzu. Wie Jutta berichtet hatte, saß Krausmann seit einiger Zeit unansprechbar vor dem Bildschirm in seinem Zimmer. Auffällig war, dass er unablässig mit der Fernbedienung das Programm wechselte, oft im Fünf-Sekunden-Takt.


"Was hast Du Dir diesmal ausgedacht", fragte ich, "musst Du wirklich das komische Spiel mit der Fernbedienung treiben?"

"Das komische Spiel", protestierte er, " damit verdiene ich unsere Brötchen. Du musst wissen", seine Stimme klang merklich voller, "ich arbeite an einem Ratgeber für Fernsehzuschauer, Geldmann-Verlag, München, 420 Seiten, 19.80 €, Titel: 'Dynamisch fernsehen'."

"Dynamisch was?"

"Dynamisch fernsehen."

Mir ging ein Licht auf. Krausmann hatte vor Jahrzehnten einen Ratgeber über das 'Dynamische Lesen' geschrieben, damals eine hoch gepriesene Methode, Texte diagonal  zu ´erfassen´ und, darin geübt, viel Zeit zu sparen -  ohne dabei Wesentliches zu übersehen, wie alle Krausmanns behaupteten.

"Und wie soll das beim Fernsehen gehen?"

"Nach meinem 'Dynamisch lesen' wollte ich einen Ratgeber über das dynamische Schreiben verfassen. Viele Autoren, Günter Grass z.B., wären besser zu verdauen, wenn sie es ließen, die letzten Gänge ihrer Phantasie auszuleuchten und sich dabei ständig zu wiederholen. “

"Keine schlechte Idee, aber wie willst Du Grass umpolen - mit einem Ratgeber aus dem Geldmann-Verlag? Das schaffen nicht einmal gefürchtete Kritiker wie Reich-Ranicki."

"So ähnlich hat das auch Dr.Flugsand gesagt." (Flugsand war sein Lektor im Geldmann-Verlag). "Wir haben uns schließlich auf das ´Dynamische Fernsehen´ geeinigt."

"Und wie, in Dreiteufels Namen, soll das funktionieren?"

"Mit der Fernbedienung, durch Umschalten im richtigen Moment."

"Du willst, schlicht gesagt, zum Zappen auffordern. Damit trägst Du Eulen nach Athen. Die Leute zappen ohnehin zu viel."

"Ja, das tun sie, seit es eine Fernbedienung gibt,  aber ohne System, so einfach zum nächsten Programm, oft schon im Halbschlaf."

"Deine Beschreibung stimmt", fand ich, "aber meinst Du, die Leute lassen sich ändern?"

"Sie müssen lernen, nach welchen Regeln man den Kanal wechselt. Und vor allem sollen sie mit gutem Gewissens umschalten." Er holte hörbar Luft, um mit erhobener Stimme fortzufahren: "Satellit, Kabelanschluss und Internet bringen uns einen kaum fassbaren Überfluss ins Haus. Mein Ratgeber ist überfällig."

Mit den Überflussangeboten hatte er recht. "Ja", bestätigte ich, "das üppige Essen, das rastlose Reisen, der unbeschränkte Pillenkonsum ..."

"Beim Essen und Reisen liegst Du falsch, weil hier das Nacheinander regiert, außerdem ist irgendwann der Sättigungspunkt erreicht. Dein Hinweis auf die Pillen greift eher. Hier gibt es den nie endenden, gleichzeitigen Konsum, wie beim Fernsehen."

Eigentlich sollte ich eine Nachricht von Jutta übermitteln, aber ich  musste widersprechen: "Gleichzeitiger Konsum beim Fernsehen, durch Zappen, das ist doch ..."

Er fiel mir ins Wort: "In unserem Ratgeber weisen wir nach, dass man ohne Verlust drei bis vier Programme zugleich sehen kann - wenn man nur lernt, sein Verhalten zu kontrollieren. Letztendlich lässt sich die neue Programmfülle nur so bewältigen. Ich habe das erste Kapitel denn auch 'Lebensqualität aus medialer Quantität´  überschrieben. Man muss gekonnt und mit Freude hin- und herschalten."

Jutta und die Kinder kamen mir wieder in den Sinn:
"Für die 400 Seiten brauchst Du wenigstens ein halbes Jahr!"

"Wo denkst Du hin? Soviel Zeit lässt mir Flugsand nicht. Ich bin der Herausgeber, verfasse aber nur zwei Kapitel selbst. Die übrigen kommen von Soziologen, Ärzten und Künstlern, bekannten Fernsehgesichtern. Besonders interessant ist das zweite Kapitel ..."

"Ich soll Dir etwas von Jutta ausrichten ..."

"Ja, sofort. Das zweite Kapitel heißt: "Rettet die Familie".

"Hm ..."

"Es richtet sich zuallererst gegen das Diktat dessen, der die Fernbedienung in der Hand hält. Vor Wochen hat ein Frauenjournal vorgeschlagen, die Bedienung nach festem Stundenplan zwischen Mann und Frau zu wechseln. Aber das ist Quatsch, bringt nicht ein sondern zwei Frustrierte. Allenfalls könnte man täglich tauschen, damit die oder der Benachteiligte den fernsehlosen Abend anders verplanen kann. Am Montag ist sie am Drücker, am Dienstag er und so weiter. Doch halte ich auch das für wenig familienfreundlich. Letztendlich müsste jede und jeder ein eigenes Fernsehgerät haben, natürlich in derselben Wohnung."

Gerd pflegt 'letztendlich' zu sagen, wenn er sich und seinem Gegenüber das weitere Argumentieren ersparen will. Er hat dann das Thema zu Ende durchdacht und nichts Wesentliches bleibt hinzuzufügen.

Ich versuchte wieder, meine Schwester ins Spiel zu bringen. "Jutta ... " setzte ich an.

"Ja, Jutta weigert sich, ein Fernsehgerät ins Wohnzimmer zu stellen. Warum eigentlich? Der pubertierende Johannes mit seinen 15 würde sich halb so viel herumtreiben. Aber Jutta will das nicht, wegen der Schularbeiten, sagt sie, er soll auch nicht alles sehen. Das ist eine antiquierte Einstellung, jeder braucht seinen Fernsehapparat."

"Wenn jeder seinen eigenen Bildschirm hat, was soll dann aus dem gemeinsamen Leben werden? Wo bleibt da das Familiengespräch?"

"Man wird sich immer wieder zusammenfinden, beim Essen z.B.  - wenn nicht gerade ein besonders interessantes Programm läuft. Wir sind nur für das getrennte Fernsehen, bestimmt nicht für die Trennung von Tisch und Bett. Letztendlich geht es um sichere Deiche gegen das Zuviel an Bildern und Informationen.”

"Eine lebenswichtige Frage", bestätigte ich.

"Wir brauchen neuen Fortschritt, um den eingeführten Fortschritt zu überleben. Stell Dir vor: schon bald gibt es beliebig viele Fernsehkanäle und obendrein unzählige Internet-Seiten. Unser Ratgeber weist auf kommende Entwicklungen hin. "Hilfe aus der Zukunft" haben wir das dritte Kapitel überschrieben."

Dachte Gerd an planetenrettende grüne Männchen oder an irdische Technologien? Offenbar an letztere, denn er fuhr fort: "Hast Du schon einmal vor einem Fernsehgerät gesessen, das ins Hauptbild vier kleine Kästchen mit Nebenprogrammen einblendet? Noch ziemlich teuer, aber warte nur ab. Bald kann jeder mehrere Kanäle gleichzeitig beobachten und nach Gusto herausholen, worauf er steht. Ein weiterer Fortschritt wird folgen, wenn das Fernsehbild eine ganze Wand im Wohnzimmer ausfüllt. Das übergroße Bild wird nach Belieben zu teilen sein, was die Gemeinsamkeit der Familie fördern wird. Jeder kann dann seine Programmausschnitte sehen und dazu im Kopfhörer hören, ohne andere zu stören. So kann man das gemeinsame Fernsehen genießen, ohne seine Selbstbestimmung aufzugeben.

Das war zu verrückt. Ich versuchte, dem Thema eine neue Richtung zu geben: "Erfreuliche Aussichten", sagte ich, "endlich kann man sich vor den Werbespots rechtzeitig aus dem Staub machen - aber wer soll die Programme finanzieren, wenn jeder vor der Werbung in einen anderen Kanal zappt?"

"Ach, den Marketingleuten wird schon etwas einfallen: product placing, Sekundenwerbung, unterschwellige Einblendungen, Treuepreise, Rätsel mit Gewinnen ..."

"Hör mal zu, lieber Gerd, sollte man dem Zuschauer nicht beibringen, das Programm sorgfältig in der Fernsehzeitung zu suchen, es mit Verstand zu sehen und charakterfest bei der Stange zu bleiben? Das ewige Zappen führt zum Halbwahrnehmen. Dieses Hin und Her macht einen wahnsinnig, man ertrinkt in Bildern und Gequassel. Das ist doch - unnatürlich!"

"Unnatürlich!" Er lachte ostentativ: "Das sagt Jutta auch. Aber unser Bremer Mitautor, Professor Weisotter, widerlegt das am Beispiel einer Bürgersfrau aus dem 18. Jahrhundert. Das ambivalente Hin- und  Hersehen entspricht der menschlichen Natur. Wenn unsere Bürgersfrau, ins Fachwerkfenster gelehnt, das Leben auf dem Marktplatz beobachtete, interessierten sie die Gespräche der vorbeigehenden Ratsherren, zugleich die Sau, die aus der Metzgergasse raste, ferner die Wäscheleine im Vorgarten ihrer Kusine und ebenso der Einkaufskorb ihrer Nachbarin. Sie beobachtete im gleichen Zuge die fremden Gestalten vor dem Rathaus, die auf die Thurn-und-Taxische-Schnellpost warteten. Vielleicht bahnte sich dort ein Raubüberfall an, wie 1763? Sie konnte alles gleichzeitig registrieren. Professor Weisotter nennt dieses Verhalten denn auch 'Multiplexus ordinarius. "

"Mein lieber Gerd, das ist doch Blech. Die gute Frau sah der rasenden Sau zu, dann zählte sie die Wäschestücke ihrer Kusine, und danach begutachtete sie den Einkaufskorb der Nachbarin - alles nacheinander. Ich sehe da keine Parallele zum Kanalspringen beim Fernsehen."

"Entscheidend ist, dass die Frau sich aus ihrem Blickfeld das herausholte, was sie am meisten interessierte, ohne etwas für sie Wichtiges zu vergessen. Natürlich ist zu berücksichtigen, dass unser Fernsehen mehr bietet. Wir leben mit Bildern, die weltweit alles Menschliche zeigt. Wer wollte uns Kriegstote, hautnahe Geiseldramen, brennende Bohrinseln, Kadaver in reißenden Fluten, verhungernde Kinder vorenthalten? Zugleich haben wir das Recht, Charlie Chaplin wiederzusehen und die Rüdesheimer Weinkönigin zu erleben. Wir möchten wissen, wie eine echte Domina aussieht und ob sie den milieugerechten Fragen von Jürgen von der Lippe noch eins draufsetzen kann. Das alles wollen wir erleben und um nichts zu verpassen, schalten wir hin und her."

"Gerd, ich soll Dir ausrichten, Jutta braucht ihr Briefpapier und Betty hat den Badeanzug vergessen. Du sollst das Oberteil mitschicken. Außerdem Unterwäsche für Johannes. Sie bleiben bis zum Ferienende bei Vater."

"Was, noch vier Wochen? Hart, wirklich hart - aber eigentlich bedacht von Jutta. So kann ich in aller Konzentration mein Kapitel: über 'Die Versatzteile des Films' zu Ende schreiben. Du musst wissen, dass man bei 95% aller Programme überflüssige Längen überspringen kann. Beim Western kannst Du während der Pistolenduelle umschalten. Sie dauern im Schnitt 45 Sekunden und am Ende siegt der Held.  30 Sekunden nehmen Faustkämpfe in Anspruch, dieselbe Zeit brauchen Überfälle auf Goldtransporte und Verfolgungsritte. Bei Kriminalfilmen nehmen das Knacken von Tresoren, Gefängnisausbrüche oder die Selbstbefreiung gefesselter Opfer mindestens 45 Sekunden ein. Autojagden brauchen länger, weil die zu Schrott gefahrenen Wagen durch laufende Filmmeter finanziert werden müssen. In Arztfilmen kannst Du Liebesszenen mit Krankenschwestern und umständliche Operationen weglassen. Ob der Patient überlebt, merkst Du später."

Ich resignierte: "Der arme Fritz Lang wird zerhackt, Bergmann wird Aktionsregisseur. Ade die Sozialkritik von Bunuel, schade um den makabren Witz von Billy Wilder."

"Wenn Du so etwas brauchst, geh ins Programmkino. Weißt Du eigentlich, dass 90% aller Filme Dutzendware sind, Kopien von Kopien, Abklatsch vom Abklatsch. Alles hast Du  ähnlich schon gesehen. Und so was willst Du passiv über Dich ergehen lassen, ohne Dein eigenes Programm zusammen zu stellen?" 

Gerd Krausmann berichtete, dass ein Beuys-Schüler im Schlusskapitel des Ratgebers unter dem Titel 'Jedermanns Kunst' vorschlagen wird, die abendlichen Programmausschnitte zu konzentrieren und zum gegenseitigen Anreiz auszutauschen. Der Tag, an dem solche Verschnitte – „Collagen aus bewegten Bildern“ -  zur Kunstgattung erhoben werden, sei nicht fern, denn irgendein Kulturdezernent in einer werdenden Kulturstadt wird ein Festival für sie erfinden.

Gerd wollte noch weiter über sein Buch reden, aber ich fragte ermüdet: "Hast Du auch behalten, was Du Jutta schicken sollst?"

"Ja, Briefpapier, Badezeug und Dessous."

Nun ja, so ungefähr. Die Unterwäsche brauchte zwar ihr Sohn und  den Badeanzug ihre Tochter, immerhin war es beruhigend zu hören, dass er Jutta irgendwie im Auge hatte.

Was meine Person angeht, so konnte ich wirklich nicht dabeistehen, wenn Krausmann sein Paket packte. Jutta und Vater würden schon zu Recht kommen.   Und ich fand einen Grund,  unser Telefonat  zu beenden. "Du Gerd", sagte ich, "jetzt muss ich aufhören. Im ZDF läuft gleich 'Arsen und Spitzenhäubchen', eine köstliche Komödie mit Cary Grant, die ich wieder einmal genießen möchte."



© Werner Hadulla