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"Steckbrief eines Enfant Terrible"

Auf einer megalithischen Steinsäule unweit des Herrensitzes The Micegrove bei Stonehenge wurde 1975 eine Bildinschrift entdeckt, die von britischen Autoren als Beweis für die jahrtausend alte Tradition des Limerick herangezogen wird:

Aus der Form und der regelmäßigen Anordnung der Bildsymbole - Feuersteinscherben, Steinhämmern und Beutetieren - lässt sich unschwer schließen, dass es sich hier um ein jungsteinzeitliches Gedicht handelt. Erick Lim, Archäologe an der Oxford University, hat vorgeschlagen, es als den Urlimerick zu bezeichnen. Die Archäologen von Cambridge dagegen nennen es vorsichtiger, in Anlehnung an das Schlusssymbol, den Entenlimerick.

Uns interessiert an diesem Bildgedicht vor allem, dass es auf einfache Weise das Grundmuster des Limerick wiedergibt. Es besteht immer aus fünf Zeilen, von denen die erste, zweite und letzte jeweils drei betonte Silben  -- aufweisen und durch denselben Reim  -- verbunden sind, während Zeile drei und vier zwei betonte Silben -   - enthalten und mit einem eigenen Reim - - abschließen. Dieses Strophenmuster und die genau festgelegte Folge von unbetonten und betonten Silben - - sind streng einzuhalten. Ein Limerick, der dagegen verstößt, wäre besser nicht geschrieben. Der Versfluss wird allerdings nicht unterbrochen, wenn die Limerickzeile innerhalb des folgenden Schemas erweitert wird: 


Und Schließlich: Die Verszeile kann auch "Männlich", d.h. mit einer betonten Silbe, enden. Hebung und Reim fallen dann zusammen:


Aber genug mit der Versanatomie. Wir werden am Ende des Buches "Limericks & wie man freche Gedicht macht" wieder beiläufig auf sie zu sprechen kommen.

Und so sieht ein klassischer Limerick aus, der alle Regeln getreu erfüllt:

                                                                         There was a young lady of Riga
                                                                         Who rode with a smile on a tiger.
                                                                                 They returned from the ride
                                                                                 With the lady inside
                                                                         And the smile on the face of the tiger.

Die Dame aus Riga hat es zu Weltruhm gebracht, sie leitet den bekanntesten aller Limericks ein. Zwei Zeilen lang reitet sie im vorgeschriebenen Limericktakt auf einem Tiger und ebenso formgerecht übernimmt dieser in einer paradoxen Volte zuletzt die Hauptrolle des Stücks und das Lächeln der Dame.

Wir sind hier auf die wichtigste Spielregel des Limerick gestoßen: erst die witzige Story, das verwegene Sprachspiel oder die paradoxe Wende rechtfertigen ihn. So unerlässlich sein adretter, formgerechter Aufbau auch ist, sein metrisch strenges Auftreten ist nur eine Äußerlichkeit, nicht mehr als der tadellose Anzug eines Enfant terrible, das uns mit Spott, Posse und Enthüllungen überschüttet oder einfach mit einer paradoxen Pointe in Erstaunen versetzt. Der Reiz unseres Fünfzeilers liegt nicht in diesem Kontrast zwischen äußerer Formstrenge und salopper, überraschender Aussage.

Literarische Weihen hat der fünfzeilige Schelm durch den Poeten und Zeichner Edward Lear erhalten, der 1846 in seinem "Book of Nonsense" die erste populäre Limericksammlung veröffentlichte. Es brauchte nicht lange, bis das Produzieren von Limericks zum englischen Volkssport wurde. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden auf der britischen Insel und in Nordamerika in jeder Generation einige Tausend neuer Limericks in Umlauf gesetzt.
Es wäre sinnlos zu zählen, wie viele davon gedruckt worden sind. Zehntausend der Fünfzigtausend? Jede Statistik scheitert daran, dass bei der mündlichen Weitergabe Varianten entstehen und dass Plagiate auf diesem Feld besser blühen als anderswo.

Und die Themen? Kein Weg führt an der Feststellung vorbei, dass die Witzmechanik des Limerick am besten bei Tabu-Themen funktioniert, dies vor allem in erotischen Gefilden. Hierbei unterliegt der Limerick denselben Gesetzen wie der Prosawitz, von dem Freud gesagt hat, dass er seine kräftigsten Pointen dort entwickele, wo er gegen Autoritäten und einschnürende gesellschaftliche Normen rebelliere, wo er Unaussprechliches beim Namen nenne.

Nach einer älteren englischen Klassifizierung gibt es:

♦ Limericks für Damen,
Limericks für Geistliche
und eben: LIMERICKS:

Saubere Limericksammlungen (für Damen) und gerade noch tolerierbare (für feine männliche Geister) enthalten für gewöhnlich hundert bis zweihundert einschlägige Fünfzeiler. Ihre leichtlebigen erotischen oder gar schlüpfrigen Geschwister treten in unbändigen Massen auf.

Zur Kategorie der dezenten Limericks gehören an Lear anknüpfende Fünfzeiler, die vom unbesorgten Spiel mit dem Unsinn leben, daneben aber auch solche, die sich mit Philosophie, Juristerei, Medizin und leider(?) auch Theologie beschäftigen - dies freilich unverblümt auf der Suche nach sprachlichen dialektischen Entdeckungen und nur selten mit der Seelentiefe des Dr. Faust.

Bei uns treten Limericks erst seit gut sechs Jahrzehnten auf. Der deutsche Limerick hat es schwerer als der englische. Wo der Angelsachse eine Menge kurzer Vokabeln unterbringt, bleibt in unserer silbenträchtigen und deklinationsfreudigen Sprache meist nur Raum für eine lakonische Schilderung.
Trotzdem haben sich viele deutsch sprechende Autoren diesem schwierigen Versmaß gestellt. Selbst in der ehemaligen DDR - könnte es einen besseren Beweis für die Suggestivkraft dieses wunderlichen Fünfzeilers geben - hat eine ganze Gilde von Humoristen im Versmaß des Briten Edward Lear gedichtet.

Notwendige Ergänzungen zu den einleitenden Mitteilungen: Neueste computerholographische Untersuchungen an Schädeln aus jungsteinzeitlichen Gräbern deuten darauf hin, dass der Mensch der Megalithkultur wohl kaum eine Affinität zum Limerick besaß, sondern eher eine Vorliebe für den Knittelvers pflegte. Der Limerick als Gedichtform im Dienst on Unsinn, Spott und Übermut gehört eher einer späteren Zivilisationsstufe an, zum Beispiel der unsrigen.

Wir erleben gegenwärtig, dass er alle anderen Versformen überdauert und sich unangefochten gegen die zeitgenössische Unlust an Metrik und Reim behauptet. Während viele Kurzgedichte unserer Zeit einem in Verszeilen gesetzten Prosa- oder Aphorismustext gleichen, hält der Limerick die strenge Metrik und verbindliche Strophenform aufrecht.

Wer sich mit ihm befasst, liebt seinen unverwechselbaren Klang und das Spiel mit munteren Worten, die im Versmaß von Edward Lear jede Idee kapriziös bekleiden können.


© Werner Hadulla