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Was ist ein Klapphornvers?


 

Er war einmal so etwas wie ein kleiner deutscher Limerick. Vor und nach 1900 konnte man ihn überall hören und lesen, in Satireblättern und Zeitungen, an Stammtischen, in Varietés und den aufkommenden Kabaretts, im Fasching wie im Karneval. Tüchtige Verleger brachten Sammlungen jenes Scherzgedichtes heraus, das schon im Jahr seiner Geburt auf den Namen `Klapphornvers´ getauft wurde.

Fast zufällig ist es entstanden. Im Sommer 1878 konnte man in den Münchener „Fliegenden Blättern“, der damals populärsten deutschen Satirezeitschrift, die vier Zeilen lesen:


                                                       Zwei Knaben gingen durch das Korn, 
                                                       Der Andere blies das Klappenhorn. 
                                                       Er konnt´ es zwar nicht ordentlich blasen, 
                                                       Doch blies er´s wenigstens einigermaßen.

 

Sie waren einem Gedichtzyklus entnommen, mit dem ein mäßig begabter Dichter, der Göttinger Universitätsnotar Friedrich Daniel, seine Mitwelt bedacht hatte. Anders als ihr treuherziger Verfasser hielten die Redakteure der ´Fliegenden Blätter´ sie für einen markanten Fall unfreiwilliger Komik. Unter der Überschrift „Idylle“ und hervorgehoben durch eine Illustration druckten sie diese vier Zeilen in ihrer Wochenausgabe Nr. 1720 ab.

Ohne dazu aufgefordert zu haben, konnte  das Blatt bereits in den folgenden Wochen spöttische Nachdichtungen von Lesern veröffentlichen. Der ´Klapphornvers´ wurde bald zum festen Begriff.  Dem Danielschen Vorbild folgend begann es  mit dem Signalwort „Zwei ...“. Als Protagonisten konnten anstelle der „Knaben“ auch andere Lebewesen, selbst unbelebte Gegenstände, auftreten. Obligat war die Beschränkung auf vier Zeilen. Jede davon hatte vier Hebungen, gelegentlich auch drei. Liberal wurde auch die Metrik gehandhabt, wo zwar der jambische Takt verbindlich war, kleine Abweichungen aber geduldet wurden. Von Anfag an konnte auch das Wort fehlen  -  die  "Knaben" etwa, das  "Korn" oder sogar das einleitende "Zwei" - das die Versart kennzeichnete.


Beispiele aus der Sammlung: “Zwei Knaben haben hinterm Ofen gedichtet hundert Klapphornstrophen ...“, Leipzig, 1900:


Zwei Knaben gingen durch das Korn,

Der andre hinten, der eine vorn,

Doch keiner in der Mitte,

Man sieht, es fehlt der Dritte.

Zwei Knaben suchten emsiglich

Am Boom nach einem Appel.

Sie fanden beede keenen nich -

Der Boom, der ne eine Pappel.
   

Zwei Damen saßen beim Ragout

Die eine langt‘ ganz herzhaft zu.

Die andre aber konnt‘ nichts essen,

Sie hatte ihr Gebiss vergessen.

Ein Mann starb an der Cholera,

Der andere, der dieses sah,

Trank Schnaps als Prophylacticum

Und starb so am Delirium.
   

Zwei Schwiegermütter über Bord

Trieb gleich die tück’sche Welle fort.

Ob sie wohl sind ersoffen?

Das Beste woll’n wir hoffen.

Zwei Knaben rieten hin und her,

Wo kommen Klapphornverse her?

Da sagt der andere horch,

Die bringt der Klapphornstorch.

   

Zwei Knaben standen vor der Thür

Im Winter ganz alleine,

der andre fror nach Reaumür,

nach Celsius der eine.

Es riß die Gicht Herrn Ullerich

Sechs Tage lang ganz fürchterlich,

Am sieb´ten riß ihm die Geduld,

Dass sie ihm riß, ist selbst er schuld.


Kann man diesen mehr als 100 Jahre alten Versen ihren Reiz absprechen? Einige von ihnen zünden noch  heute, andere wären durch geringe sprachliche Korrekturen leicht zu aktualisieren. Nachahmenswert ist die Bündigkeit, mit der die kurzen Zeilen dem paradoxen Ende zustreben. Hier trat ein scherzhaftes Gedicht auf, das mit dem Prosa-Kurzwitz, mit seinem Spaß am Komischen und Unvermuteten, mithalten konnte, ein Vers, der Rhythmus und Reim in den Dienst des Spaßhaften stellte.

Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass von den 100 Gedichten  dieser Sammlung viele belanglos erscheinen. Oft stören die phantasiearme Persiflage des Danielschen Vorbilds und natürlich auch die altväterliche Sprache. Besonders aber zählt, dass die Witzempfindung einer entfernten Generation aus ihnen spricht. Der frühe Klapphornvers ist ein Kind der wilhelminischen Zeit und über sie nicht hinaus gewachsen. In den  Kriegs- und Notjahren nach 1914 verlor er seine Popularität.

Anders die ungebrochene Weiterentwicklung des britischen Limerick: Man sollte nicht vergessen, dass fast alle englischen Limericks, die wir heute gern zitieren, aus einer uns näheren Periode stammen. Zwischen den einfachen Fünfzeilern Edward Lears (gest.1888) und den artistischen Versen von Norman Douglas (gest. 1952) oder Ogdan Nash (gest. 1971) liegt ein weiter Weg. Damit soll nicht gesagt werden, dass der einfache, unbewusst oder bewusst einfältige Limerick ausgedient habe. Aber das Spielfeld dieses Fünfzeilers ist weiter geworden, gibt dem einfachen Limerick ebenso Raum wie seinem intellektuellen, wortgewandten Gegenstück.

Aber zurück zum Klapphornvers: Kann er modern zugeschnitten, kann er wiederbelebt werden?  Einen Versuch dazu unternimmt die „Klapphornclique“ (hervorgegangen aus dem „Verein zur Rettung des Klapphornverses“). Die Ergebnisse ihrer Wettbewerbe, die bisher sechs Mal abgehalten wurden, können bei www.Klapphornclique.de nachgelesen werden.

Der aktuelle Klapphornvers muss den Sprung zur Sprache und Witztechnik unserer Zeit finden. Auf den Seiten des Internet sind gegenwärtig Hunderte von Klapphornversen zu entdecken. Man hat den Eindruck, dass ihre Urheber, soweit sie nicht der engen Persiflage verfallen sind, allzu oft  unverständliche, wörtlich genommenene Unsinnsverse  schreiben. Beides, die ewige Persiflage  wie der unverständliche Nonsens, sind auf Dauer ermüdend. Ein anderes Hindernis auf dem Weg zum guten, zeitgemäßen Klapphornvers ist die Überbewertung des Reims, die vorrangige Reimerei, in die mancher Autor verfällt. Falsch ist die Meinung, dass der Reim in sich wirke, dass man ihm zuliebe die natürliche Syntax verbiegen darf. Man kann von  großen humoristischen Dichtern wie Morgensern, Tucholsky, Ringelnatz oder Erhardt, lernen, dass  beim scherzhaften Gedicht zu aller erst die Idee zählt und dass es gilt, es verständlich zu entwickeln. Klang und Reim können jedes Gedicht krönen, sind aber unnütz, wenn der Inhalt nicht befriedigt oder  seine Sprache verstümmelt wird. 

Das gilt besonders für ein Epigramm wie den Klapphornvers. Er muss kurz und büding daher kommen, dem Mitteilenden bleibt wenig Raum zu erzählen, dem Hörer oder Leser wenig Zeit zu verstehen. Der Scherzvers muss spontan zum Lachen verführen, sonst ist verfehlt er den Zweck -  sonst klappt es auch beim Klapphorn nicht.  
 


© Werner Hadulla