Mit den Knaben






fing es an ...

Mit den Knaben fing es an. Waren sie doch die Helden des Verses, der die Klapphorndichtung  ausgelöst hatte. Die „Fliegenden Blätter“ hatten ihn 1878 veröffentlicht*:

Zwei Knaben gingen durch das Korn,
Der Andere blies das Klappenhorn.
Er konnt´ es zwar nicht ordentlich blasen,
Doch blies er´s wenigstens einigermaßen.

Diese vier Zeilen sind seitdem  tausendfach persifliert worden – zum guten Teil mit minimalen Abwandlungen und situationsgetreu. Einige Klapphorn´dichter´ haben sich darauf spezialisiert, den Klapphornvers möglichst wortgetreu anzulegen. Zwangsläufig beginnen alle ihre Verse mit dem Zahlwort „Zwei“; der Austausch kleiner Versatzstücke  - oft verbunden mit verwegenen Wortbildungen und Reimen  - genügt, um dem Vers die Note der (vermeintlichen) Nonsense-Dichtung zu geben.

Anderseits gehört es zur guten Sitte, dass jeder Klapphornautor sich auch in der Persiflage des oben zitierten Prototyps versucht.  Hier also als Pflichtübung die folgenden Verse:


Zwei Knaben gingen durch das Korn 
doch diesmal gingen beide vorn.
Und komisch war noch überdies,
dass keiner in ein  Klapphorn blies.
 
 Zwei Knaben gingen durch das Korn,
 der eine blies ins Klappenhorn.
 Am Waldrand lauschten Reh´ und Hasen,
 so wunderschön hat er geblasen.

Ein Knabe ging allein durchs Korn,
denn so nur blieb er ständig vorn.
das Hintengehen lag ihm nicht,
auf s Vornesein war er erpicht.

Ein Knabe saß verstört im Korn,
enttäuscht von seinem Klappenhorn.
Denn viele Klappen war´n nicht dicht -
es klappte ums Verrecken nicht.

So ist das mit Persiflagen: nur der Leser, dem der Ursprungstext vertraut ist, wird sie nachvollziehen. Und allzu getreue Persiflagen wirken einschläfernd, wenn sie gebetsmühlen-artig wiederholt werden. Soll der Klapphornvers lebendig, ´erzählenswert` sein, muss er sein Themenfeld weit und offen halten.
Auf den folgenden Seiten nehmen wir uns die Freiheit, gelegentlich bis an die Grenzen des allgemeinen Epigramms zu gehen – sofern jedoch die Grundregeln erfüllt werden, die schon in den frühen Sammlungen des Klapphornverses galten: a) der Umfang des Verses muss 4 Zeilen betragen, b) verbindlich ist der jambische Rhythmus, der selten durchbrochen wird, c) jede Zeile hat vier oder drei Hebungen, wobei Zeilen mit gleichen Reimpaaren auch gleich lang sein müssen. Es ist nicht erforderlich, in den Text Worte einzubauen, die den Klapphornvers äußerlich kennzeichnen, aber Signalworte wie Knabe, Mädchen, Korn, oder das Zahlwort „Zwei ...“ am Beginn der ersten Zeile können helfen, die Humoreske sofort zu erkennen.

Zwei Knaben aus dem Freistaat Bayern  
die tragen vor sich einen Bauch
man liebt in Bayern feucht zu feiern,
Der dicke Wams ist Landesbrauch.

'ne dicke Birne fiel vom Ast,
darunter stand ein Gymnasiast.
So zeugte eine lock're Birne 
auf einer Birne eine Birne.

Im Stimmbruch sind zwei muntre Knaben,
die keinen Bock auf Mädchen haben.
Doch warte nur, in einem Jährchen
entdecken sie Babett und Klärchen

Ein Knabe stahl am Waldessaum
bei Mondlicht einen Weihnachtsbaum.
Empört sprach da sein Mütterlein:
"Der könnte doch was größer sein!"

Ein Knabe fragte sich: „Warum  -
warum bin ich  so maßlos dumm?“  
Doch bald schon tröstete er sich:
„Es gibt noch dümmere als mich.“

Ein Fähnrich ging durch eine Heid,
er strotzte so vor Tapferkeit.
Doch nirgends sah er einen Feind,
der arme Kerl hat still geweint.


* siehe auch einleitenden Artikel „Was ist ein Klapphornvers

© Werner Hadulla