Wenn eine Ziege sagt, sie habe keinen Bock, meint sie vielleicht das Gegenteil. Lohnt es zu rätseln, was sie uns sagen will?

Vielleicht hilft uns ein Blick auf die frühere Bedeutung des Bocks weiter -  obwohl dieser, wie es scheint, schon immer für unklare, ja widersprüchliche Aussagen herhalten musste. Die alten Römer haben ihn oft mit dem Beiwort masculus geschmückt, was seine Stärke und wohl auch seine Würde anerkannte und zu jener Zeit überaus positiv klang. Dem gegenüber gab es freilich auch das Schimpfwort „capreolus“, das im Ursprung den Reh- oder Ziegenbock meinte, stets aber zur Verfügung stand, um Menschen zu charakterisieren, die man als kapriziös, schrullig oder flatterhaft empfand. Masculus oder capreolus, was fiel einer erfahrenen römischen Dame wohl häufiger ein, wenn sie einen selbstherrlichen Mann forsch auf sich zukommen sah?
Widersprüchlich  ging es schon im alten Griechenland zu. Man fürchtete sich vor den bockartigen Satyrn, jenen alkoholsüchtigen und lüsternen Gesellen im Gefolge des Dionysos, die durch derbe Späße berüchtigt waren. Aber da war auch der zwar bockbeinige aber gütige Gott Pan, der die Natur beseelte und schützte, der Allgott des späten griechischen Götterhimmels. Auch er entsagte seiner Bocksnatur nicht ganz,  indem er zierlichen Nymphen mit Lust nachjagte. Er blieb den Sterblichen aber immer wohl gesonnen  -  ein Gott mit menschlichen Wünschen und Widersprüchen, wie die alten Hellenen sie von ihren Gebietern gewohnt waren.

Bocksnachfolger Pans ist im christlichen Kulturkreis ist der störrischen Widersacher Diabolus geworden. Er ist eindeutig zu beschreiben, denn  in welcher Gestalt er auch auftritt, gehörnt, als Spötter mit Pferdefuß, oder als adretter Jüngling – dahinter steckt immer der haarige Kerl, der Lust am Augenblick predigt und uns zum Ausschweifen verleiten will. 

Und die sprachlichen Bilder unserer Tage? Sie sind ohne Zweifel profanisiert, wir kennen das gefräßige Trampeltier,  dem man seinen Garten nicht anvertraut, oder den unbelehrbaren, sturen Bock. Dem entgegengesetzt  steht jenes Bockbild, das enorme Stärke suggerieren will, der bockstarke Ringkämpfer, das Bockbier oder der Bock im Skat.
                

Die jüngste sprachliche Entwicklung hat schließlich den  Bock zum Sinnbild der Lust schlechthin werden lassen. Man hat einen (manchmal geradezu tierischen) Bock auf einen Typ vom andern Geschlecht, eine Demo, eine Stereo-Anlage, eine Reise nach Nepal oder . . . was auch immer. -  Und die andere Seite der Medaille? Wenn einen gar nichts mehr anmacht, hat man gar keinen Bock, einen Nullbock, diesen  manchmal vorübergehend oder schlechthin unablässig.

Bock gegen Bock. Aber lassen wir das. Wir müssen gestehen, dass keine kulturgeschichtliche Ableitung uns hilft. Ist die anfangs erwähnte Ziege apathisch, weil sie keinen Bock hat, oder hat sie keinen Bock, weil sie apathisch  ist?  Sie sollte sich genauer erklären.



© Werner Hadulla - Bild oben Quelle: Meyers Konversationslexikon - Zeichnung: Hans Weber