Was ist ein lustiges Kurzgedicht?


Beginnen wir mit der Frage: wie lang ein Kurzgedicht sein darf. Hier  müssen wir festlegen, wie umfangreich ein Kurzgedicht sein darf. Die Antwort ist mit einer Zeilenzahl nicht abzutun. Verschiedenartige Versfüße, so etwa der jambische oder der anapästische, führen zu ungleich langen Texten; noch stärker wirkt sich die Anzahl der Hebungen im einzelnen Vers aus:

                      Freund, willst Du einst 
                      die Englein singen ren,

Das Dunkel der Nacht ist der Dämmrung gewichen,
ich gähne und blinzle durch spaltbreite Lider.

Eine einzige Zeilenangabe reicht also nicht aus. Ich plädieren dafür, dass unser Kurzgedicht-Wettbewerb nur auf Gedichte eingeht, die im Falle von vier oder mehr Hebungen höchstens 10-12 Zeilen zählen, dass sie bei zwei oder drei Silbenhebungen aber 14-16 Zeilen lang sein dürfen.


Zum "freien" Kurzgedicht

 

Ein lustiges Kurzgedicht soll, in Anlehnung an ein Wort Kästners, kurz und möglichst noch kürzer sein. Das kürzeste aller komischen Gedichte, das lustige Epigramm, hat in der deutschen Literatur eine lange Tradition. Es wurde schon im Barock, etwa von Opitz und Gryphius, später von fast allen Klassikern und von Dichtern wie Schlegel, Heine, Brecht und Kästner in satirischer oder scherzhafter Absicht verfasst. Gewöhnlich tritt es in einteiliger Strophenform auf, charakteristisch ist seine Verknappung auf wenige, im Extremfall auf zwei Zeilen.


Belegen wir das mit einem Kurztext, den Andreas Gryphius vor rund 350 Jahren an allzu eifrige Poeten richtete – Gryphius hätte keine Not, auch zu unserer Zeit dafür Adressaten zu finden:
                    

                                                  „Du machst zwei hundert Vers, eh als ich drei gemacht. 
                                                  Ein Lorbeerbaum wächst spät, ein Kürbis in einer Nacht.“
 

Ungefähr 150 Jahre später, gegen 1800, ermahnte der Philosoph und feinfühlige Ästhetiker Johann Georg Jakobi seine nach mehr Licht rufenden Mitbürger: 

 
                                                  So recht! Die Läden auf, dass wir dem Tagesschein,
                                                  dem Sonnenlicht entgegen lachen!
                                                  Nur werft, um alles hell zu machen,
                                                  uns nicht die Fensterscheiben ein. 
 

Zielgerecht geht das Epigramm auf seinen meist paradoxen, manchmal antithetischen Abschluss zu. Lyrische Elemente sind seinem Wortlaut fremd, vielmehr zielt es darauf ab, Widersprüche und Hinfälligkeiten zu etikettieren oder einfach etwas Lustiges zu vermelden.
  

Ein guter Teil von Kurzgedichten,  folgen diesem einteiligen, kurzen Strophenmaß:


Manche Musenküsse

rufen Blutergüsse

in Auge und Ohr

anderer hervor.
 

Ferdinand Kirchhoff        


Wenn eine hübsche Amme dich

genährt als kleenen Rangen,

dann kannste als Primaner nich

det immer noch verlangen.

Cordes Koch-Mehrin


Aber das Epigramm verträgt auch einige Zeilen mehr:


Höflich wurde er gebeten

von dem Posten abzutreten.

Er verweigerte den Schritt.

Folge war ein harter Tritt.

Aus dem Tritt ist herzuleiten:

Tritt zurück und -ab, beizeiten.

Hermann Wischnat                                                


Der Maler P.P. Rubens

malte selten Bubens.

Mädchen jedoch in Fülle

mit und ohne Hülle.

Er liebte, runde Sachen

nicht künstlich zu verflachen.

Ferdinand Kirchhoff                                      


Texte dieser Art sind nicht leicht zu schreiben. In der kurzen Aussage fallen Mängel und Notbehelfe, unsaubere Reimpaare, dem Takt schuldige Füllworte, eine des Reimes willen vergewaltigte Syntax – besonders stark auf.
  
Das allgemeine Kurzgedicht ist in der Regel in Strophen gegliedert, es kann eine lyrische Note haben, anekdotenhaft sein und ungehemmter mit Worten spielen. In seinem etwas längeren Text kann der Autor ein Ereignis beschreiben oder eine persönliche Impression ausmalen:


Der Jäger

 

Der Jägersmann tutet,

er tutet ins Horn,

er tut es von hinten,

doch tuten tut's vorn.

 

... und wenn er geblasen,

dass weiß man genau:

es liegt auf dem Rasen

 

'ne ganz arme Sau.

 Bruno Bansen                                                                   

Mein Frühling

 

Die Sonne wärmt schon kalte Nasen,

zwei Vögel zwitschern keck,

der Krokus reckt sich aus dem Rasen

als bunter Farbenfleck.

 

Ein Putztuch winkt von Armgelenken,

es soll vom Winterstaub befrein,

und ich - ich könnt' mich so verschenken.

Das muss der Frühling sein!
 
Jutta Kieber                                                    


Zum genormten, lustigen Kurzgedicht


Der Limerick, der Klapphornvers, die drei anderen Kurzgedichts-Formen unseres Wettbewerb, wurden bereits beschrieben (® Was ist ein …). Wer ihr Grundschema, ihre Reimfolge und das jeweilige Metrum kennt, beziehungsweise das Buchstabenschütteln gelernt hat, ist in der Lage, einen formgerechten Limerick, Klapphornvers oder Schüttelreim zu schreiben.
 
Doch das ist nur der Beginn. Autoren, die sich beim ´genormten Gedicht´ mit dem Reimen und Silbenzählen zufrieden geben, sollten wissen, dass es mehr schlechte als gute Limericks und Klapphornverse gibt. Gedichte dieser Art müssen auf Anhieb einleuchten, spontan mit einem Lachen beantwortet werden. Ist ihre Botschaft überzeugend, stimmt sie heiter, springt ihr Witz über?
 
Limericks und Klapphornverse haben ihre eigene Rhetorik. Kein Autor kann sicher sein, dass seine knappen, vielleicht subjektiv besetzten Worte zur Genüge das Bild wiedergeben, das er zeichnen möchte. Gefragt sind die klar umrissene Ausgangssituation, eine fassbare, witzige Story und ihre überraschende Auflösung. Das alles bündig in einen Text zu packen, muss der Verfasser üben. Wenn Kritiker beim Prüfen seines Werks die Mundwinkel verziehen, ist die Schuld nicht bei ihnen zu suchen. Häufiger als der Autor es wahrhaben will, wird er hören, dass er sich nicht verständlich ausgedrückt habe, dass seine Pointe lahm sei oder die gewählte Materie sich der Komik entziehe. Auch der Einwand, das Thema sei abgegriffen, schon hundertmal erzählt, ist ernst zu nehmen.
 
Falsch wäre die Vorstellung, dass der Limerick oder Klapphornvers in einem Geniestreich entstehen würden. Ein Fünfzeiler kann mehr Autorenschweiß kosten als ein ausgewachsenes Gedicht von fünf Strophen. Der Limerick, wie auch andere ´genormte´ Gedichte, muss so originell und lebendig sein, dass er sich im Heer seiner Artgenossen zu behaupten weiß. Er muss sich makellos reimen, seine Reimpaare sollen so placiert sein, dass die vorangehende Satzfolge natürlich wirkt. Zudem müssen Rhythmus und Metrum überzeugen; ein Füllwort - das ´mal´oder ´noch´ - das deutlich nur der Metrik dient, kann den besten Text entwerten. Oft dauert
es lange, bis alles sitzt, ohne Hin- und Herprobieren geht es nicht.
 
Auch der Klapphornvers will mit Umsicht verfasst werden. Zu oft behandelte Sujets können langweilen. Manche Autoren mögen es als Reiz empfinden, die ´Zwei Knaben … im Korn´ unentwegt neu zu bedichten, obwohl bereits Hunderte analoger Verse in die Welt gesetzt wurden. Um beim Klapphornvers das Themenfeld zu erweitern, propagiert unser Wettbewerb zusätzlich den Vers à-la-Klapphorn. Dieser muss vierzeilig und vierhebig sein und sollte sich auch im jambischen Takt an den echten Klapphornvers anlehnen:


Ein Playboy sprach: "Du bist so nett.
Ich bin verrückt nach dir! Babett.
Sie warf ein Glas, es klirrte,
und schrie: "Ich heiße Birte!" 

Herbert Scholl
                                                          


Es sagt der Eber zu dem Schwein: 
Wie warst Du einmal zart und fein!
Da brauchten wir, sprach sie zum Eber, 
für dich auch keinen Wagenheber.

Bernhard Mößner
                                                              


Was eben für den Limerick und Klapphornvers gesagt wurde, gilt analog für den Schüttelreim: die korrekte Form ist die Voraussetzung, über seine Güte entscheidet der Inhalt. Der Schüttelreim kann auf eine höchst drollige oder auch makabre Weise komisch wirken, kann den besten Sinnspruch widerlegen oder einfach albern daherplappern. Jeder kennt die kindliche Freude, statt Butterstulle Stutterbulle zu sagen; der Erwachsene spielt das Spielchen nach einer festen Regel weiter und versucht, zu seinem Schüttelfund einen vernünftig klingenden, amüsanten Begleittext zu ersinnen:


Wenn ich mal nicht mehr motzen kann,
dann find ich das zum Kotzen, Mann.


Michel Diekert 

Mit einem schweren Klinkerstein
kriegst du den größten Stinker klein.

Inge Spöhr
                                                    


Wer weiß, ob man das Beste findet
wenn man sich früh schon feste bindet.


Jürgen Flenker

Im Grab noch Heinrich Heine bebt,
wenn Loreley die Beine hebt.

Thomas Berg                                                              


Diese Zeilen wurden im August 2006 geschrieben. In ihnen wurde versucht, den Beiträgen, die zu den ersten vier Wettbewerben der „Klapphornclique“ eingereicht wurden, allgemeine Erfahrungen zu entnehmen. 
  
Wir haben betont, dass vom lustigen Kurzgedicht ein hohes Maß an Transparenz und Gradlinigkeit verlangt wird. Es gehört zu seiner Güte, dass es mühelos klingt und fehlerlos gereimt ist, dass es eine natürliche, verständliche Sprache spricht und – entscheidend beim komischen Text – von seinem ´Konsumenten´ mit einem nachdenklichen Lächeln oder gar mit hellem Lachen beantwortet wird. Eine beträchtliche Zahl von Gedichten, die durch unsere Wettbewerbe gegangen sind, haben diese Voraussetzungen erfüllt
. www.klapphornclique.de


© Dokumentiert von Werner Hadulla