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Meine Sache mit Friederike                                      


Was mich dazu treibt, eine über 100 Jahren tote, fast vergessene und, sagen wir es schonend, mäßig begabte Dichterin aus ihrer Ruhe zu reißen? Ich werde später darüber berichten.

Friederike Kempner: Seit etwa 1870 hat sie in Aufsätzen, Bühnenwerken und Gedichten Empathie und Toleranz gepredigt, ihre Mitwelt zum Kampf gegen Inhumanität und soziale Not aufgerufen. Lexika erwähnen noch heute ihre Verdienste um die Krankenfürsorge ihrer Zeit und um eine bedeutende preußische Gefängnisreform. Gegen Tierquälerei, speziell die vor 1900 bedenkenlos geübte Vivisektion hat sie Denkschriften verfasst und geradezu emphatisch forderte sie, dass Vorkehrungen gegen die Beerdigung Scheintoter getroffen wurden.

Die Dame aus großbürgerlichem Haus und spätere Gutsbesitzerin hat sich eingemischt, wie heutige Literaten es selbstsicher nennen - und war dabei erfolgreicher als viele Spätere. Die Abschaffung der Einzelhaft für 'Lebenslängliche' in preußischen Zuchthäusern und die landesweite Einrichtung von 'Leichenschauhäusern' gingen nicht zuletzt auf ihre Denkschriften zurück. Wilhelm I. hat sich in einer seiner Anordnungen auf sie bezogen.

Das ist freilich nur die eine Seite ihres Wirkens, die andere stand bei ihrem Zeitgenossen spätestens seit den 80er Jahren im Vordergrund: Ihre erstgemeinten, leider vorwiegend naiven Gedichte wurden mit süffisantem Behagen  gelesen, denn allzu leicht erlag sie der Verlockung des nächstbesten Reims und frei von  kritischen Reflexionen malte sie ihre poetischen Bilder aus. Konnte man ernst bleiben, wenn sie schrieb:

                        Ein unbekanntes band der Seelen kettet
                        Den Menschen an das arme Tier,
                        Das Tier hat seinen Willen - ergo Seele.
                        Wenn auch 'ne kleinere als wir.

Nach solchen ungewollt bizarren Blüten fahndete man in ihren Gedichten - und konnte sicher sein, rasch fündig zu werden. Schon 1873 hatte Paul Lindau, ein Reich-Ranicki dieser Jahre, auf den naiven Grundzug ihrer Gedichte und ihre merkwürdige Vorliebe für gewagte Metaphern hingewiesen. Es war ihr durchaus ernst, wenn sie über den liberalen damaligen Kronprinzen, den späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III.,  in bester patriotischer Absicht schrieb:

                        Die großen Blätter der Geschichte fallen.
                       
Das eine, Prinz, es ist ganz voll von Dir.

Unsere Poetin wollte der ´harten Seele´ ihrer Gesellschaft, ein 'wahres Preußentum' entgegensetzen. Über ihr Herrscherhaus hat sie stets in tiefer Devotion geschrieben, so auch über den 'alten Kaiser', Wilhelm I.:                       

                        Sein Sieg ist groß, sein Herz ist weich,
 
                        Das weicheste im Kaiserreich.

Ihre bizarr-naive Komik hat dazu geführt, dass Frederike Kempners Werke vor und nach der Jahrhundertwende in der lustigen Ecke vieler Hausbibliotheken standen, neben Pfeffel, Reuter, Busch und bald auch Morgenstern. Acht Sammelbände ihrer Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten gedruckt. Die "schlesische Nachtigall", wie sie bald hieß, wurde bespöttelt, aber gelesen. Köstlich naiv sei sie, schrullig und sentimental, so schrieb man, aber immerhin: in vielen ihrer humanen und sozialen Forderungen habe sie Recht.

 

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