Seite 1 Seite   2 Seite  3 Seite  4 Seite  5 Seite  6 Seite  7 Seite  8 Seite  9 Seite  10 Seite  11 Seite  12



entnervende Tonleitern und gescheiterte Akkorde durch die Wand. "Ich habe darüber ein Gedicht geschrieben - es aber nicht ihren Eltern gezeigt“ :
 
 
Stille
 
Horch, es klagt die Flöte wieder.
Laura, willst Du ewig flöten?
Töne leitern auf und nieder.
Willst Du damit Katzen töten?
 
Hör, wie sauber Kater klingen,
echter als Dein tastend Pusten.
Wollen eine Braut besingen,
weil sie schon so lang nicht schmusten.
 
Käm ein Geist doch mitternächtlich,
nähme heimlich deine Flöte
und verböge sie verächtlich:
Ja, das nähm uns tausend Nöte:
 
Stille über stillen Welten,
leis nur hört' man Bäche rauschen.
Kater störten uns ganz selten,
sonst nur Stille - lass uns lauschen."
 
Zögernd äußerte ich Bedenken, denn diese Verse erinnerten an ein Gedicht von Clemens Brentano. Aber die Dame vor mir winkte ab: man könnte neue Weine in alte Schläuche füllen. Ungerührt  diktierte sie das nächste Gedicht, wobei sie nur erwähnte, dass sie es an eine ihrer Nichten geschickt hatte. Vor mir sah ich jetzt eine aufrecht sitzende, ältere Dame. Sie erschien mir mollig, auch wenn sie das unter einem strengen Korsett zu verbergen suchte. In dieser Gestalt kannte ich sie aus Fotos ihrer späten Jahre:
 

 
Einsicht und Trost
 
Schön ist das Vergissmeinnicht,
wenn man's auch im Herbst vergisst.
Aber dann glänzt noch die Rose,
Sonnenblume, Herbstzeitlose.
 
Wenn es nachts schon bitter kalt,
Astern, Chrysanthemen blühn.
Dann sieht man die Finken bald
aufgereiht nach Süden ziehn.
 
Schließlich kommen Schnee und Matsch,
die den Wald, das Feld bedecken.
Bis sich Veilchen und der Klatsch-
mohn wieder in die Lüfte recken.

Allzu schnell vergeht das Erdenjahr.
Aber warte, Blumen blühn auch künftig.
Vieler Rosen wirst du noch gewahr,
bist Du jung und lebst vernünftig.
 
Fortsetzung Seite 10