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Nur ein Gelegenheitsgedicht waren auch die Verse, die sie 1886 einem zum Pessimismus neigenden, unverheirateten Vetter zu seinem 50. Geburtstag sandte:
 
 Das Leben: eine ätzende Zitrone:
Versüßen kann es einzig nur die Liebe.
Sie ist wie Zucker. Bleibst du lange ohne
wird bitter dir im irdischen Getriebe.
 
Ich wünsch dir immer Trost, Zufriedenheit
und 'gen Zitronen einen guten Magen.
Man reich dir auh Zucker allezeit 
an guten wie an deinen trüben Tagen."
 
"Hat der alte Pessimist sich geändert?" fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. Mir fiel erst jetzt auf, dass ich sie, ohne viel zu überlegen, mit "Du" angeredet hatte. Aber sie nahm keinen Anstoß daran. Geister, Engel, überhaupt transzendente Wesen kennen das seit biblischen Tagen nicht anders.
 
„Ach, ich werde Dir auch ein Gedicht vortragen, über das du vielleicht lachen wirst“, sagte sie nach kurzem Überlegen, „ich habe mich zunehmend Tieren umgeben, einen meiner Hunde besonders geliebt:
 
 
An Caesar
 
Wenn ich Dich, Caesar, heulen hör,
bekomm ich ganz das arme Tier.
An Deinem Wehleid ich mich stör:    
Du  brauchst was Gutes, sag ich mir.
 
Will Du nun auf die Gasse gehn,
spürst  Du jetzt  Hunger, hast Du Durst?
Mein Schatz, ich will Dich fröhlich sehn
geb Dir was ab von meiner Wurst.
 
Du möchtes mehr, Du willst sie ganz?
Von mir aus sollst Du Dich dran laben.
Nun wackelt wiederrum Dein Schwanz,
ein schönres Glück kann ich nicht haben.
 
 
"Wird es Dir gar nicht warm", fragte ich, "so mit geschlossener Jacke? Dein Glorienschein heizt doch auf?" Obwohl es wirklich warm wurde, trug zu dieser Aufforderung sicherlich auch meine Neugier bei.
 

Sie lachte, als ob sie mich durchschaut hätte: Nein, Hitze und Kälte machten ihr nichts aus, auch betäubender Lärm würde sie nicht mehr stören. Das sei früher anders gewesen. Damals, bei Freunden auf Gut Graudenz, habe sie im Zimmer neben der Tochter des Hauses logiert. Das junge Mädchen übte sich im Flötenspiel, bis in die Nacht

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