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Sie half der Tochter, den ersten Schmerz zu überwinden, und es zeugt von Friederikes früh entwickeltem praktischem Sinn, dass sie schon nach einem halben Jahr dichten konnte:
 
Adé, mein Gardeoffizier
 
Er war mein Gott und wie im Flug
war plötzlich auf er und davon.
Sein Auge treu? Ein schöner Trug!
Und falsch verklang sein Bariton.
 
Er hat mich ohne Not verlassen,
allein und einsam bin ich nun.
Doch soll ich jetzt ewig hassen
und nutzlos meine Zeit vertun?
 
Ich, Frederike, kann das lassen
und schau mich halt nach andern um.
 
 
Sie saß jetzt auf einem Stuhl mir gegenüber, immer umgeben von ihrer strahlenden Aura. Ihr langer Faltenrock war hoch- gerutscht, die schlanke Fessel frei. Sie schaute an mir vorbei, verstohlen studierte ich ihr Profil, das etwas Verwegenes und Neugieriges, zugleich aber Zerbrechliches hatte.
 
„Ich habe nie geheiratet. Bewerber gab es genug. Doch die meisten waren hinter meinem Geld her – und unter den anderen fand ich keinen, mit dem ich mein Leben verbringen wollte.“
 
Mit einem Seufzer leitete sie das nächste 'unterdrückte' Gedicht ein: ihren Patensohn Frederik, das älteste Kind ihrer Schwester Helene, hatte sie besonders ins Herz geschlossen. Ihm sandte sie 1881, zu Beginn seiner Anwaltslaufbahn, einen Scheck über eintausend Taler, zugleich mit den folgenden Zeilen:
 
Das Innerste
 
Wie ein rohes Ei empfindlich,
ist der menschliche Charakter.
Bleibe standhaft, unverbindlich
wenn dir Gold und Silber blinken, 
Ehren und Karrieren winken.
Jagst du ihnen  nach, dann knackt er.
 
Richte ständig deinen Blick nach Innen,
prüfe ständig, was verbogen drinnen.
Sag Dir immer: 'Geld was ist das schon?
Wer denn hat auch je genug davon?"
 
Mir fiel auf, dass sie sich verändert hatte. Sie hatte jetzt ein Seidenkleid an, das unterhalb der eng geschnittenen Taille weit nach hinten ausholte, wie das in den achtziger Jahren modisch war. Darüber trug sie eine reich bestickte, weitschultrige Jacke. Nicht mehr das zierliche Mädchen von eben saß vor mir, sondern eine reife, schöne Frau, die mit deutlich tieferer Stimme fortfuhr: "Frederik wurde Scheidungsanwalt, war hinter dem Geld her - hat mich nur noch enttäuscht. 1885  habe ich ihm geschrieben:
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