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Doch bald krachte und knallte es draußen. Schläfrig nahm ich wahr, dass mein Zimmer taghell wurde – heller als alle Raketen über der Stadt es bewirken konnten. Geblendet, angestrengt ins Gegenlicht blinzelnd, sah ich in einer strahlenden Aura eine junge Frau vor mir stehen.
 
Das ist doch ein Traum, Dein Wunschbild einer wunderschönen Fee, sagte ich mir. Bis ich ihr deutliches "Wach auf!" hörte. Ich rieb mir die Augen. Träumte ich auch das noch?
 
"Vor Dir steht Frederike Kempner."
 
Ich zweifelte, denn als real denkender Mensch hielt ich dieses Wesen immer noch für eine Traumgeburt. Vor mir stand Frederike Kempner? Merkwürdig, hatte ich nicht grade in Gedicht über sie geschrieben? Eines, das spöttisch endete?
 
Sie lächelte, mein schlechtes Gewissen amüsierte sie: "Keine Sorge deine Verse sind gar nicht so falsch, heute weiß ich das auch. Vielleicht fehlt nur das versöhnliche Ende, an das du gedacht hast."
 
Frederike Kempner, so jung? Mir fiel auf, wie zierlich sie war.
 
"Ich halte nicht viel von deinem Plan, mich nachzudichten", sagte sie, "das wird zu gewollt. Viel besser, du belässt es bei meinen Gedichten."
 
Woher wusste sie, was mir durch den Kopf gegangen war?
 
"Ich kann dir manches Unterdrückte mitteilen, Ungedrucktes das ich und meine Familie für zu persönlich hielten. Steh' auf und geh' an deinen Schreibtisch!" Das klang sanft aber so bestimmt, als ob sie Alltägliches von mir verlangte. Verblüfft, immer noch benommen, stand ich auf. Noch bevor ich mich an den Schreibtisch gesetzt hatte, erklärte sie, dass ich zunächst etwas hören würde, was sie mit unschuldigen 17 Jahren geschrieben habe. Ich erfuhr, dass sie, das junge  Mädchen aus großbürgerlichem, jüdischem Haus, damals heftig in einen adligen Gardeleutnant verliebt war, den Mann ihres Lebens, wie sie glaubte. "Also schreib!" befahl sie, und ich nahm ohne Widerstand auf, was sie diktierte:
 
Amors Pfeile
 
Gott Amor bringt
viel Herzeleide,
trifft er nur einen
und nicht beide.
 
Doch Dich und mich,
uns hat er voll
ins Herz getroffen.
 
Dass seine Pfeile
stecken bleiben,
woll'n wir hoffen."
Fortsetzung Seite 6