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Es sei mir erlaubt, hier eine kurze Bemerkung einzuschieben. Was ich auf im Folgenden schildern werde, können Sie für wahr halten oder auch nicht. Skeptiker mögen meinen Bericht als Spinnerei eines Esoterikers abtun. Ich kann dem entgegen halten, dass ich ein nüchterner, den Fakten zugewandter Mensch bin. Bis vor kurzem habe ich nur das geglaubt, was klar zu beweisen ist.
 
Wie war das also in jener Nacht, die für mich so bedeutend wurde? Natürlich war ich enttäuscht, dass Corinna sie nicht mit mir, sondern in ihrer Tennisrunde verbringen wollte. Sekt wartete auf meinem Balkon und auf dem Tisch im Wohnzimmer standen zwei Flaschen bestens Rotweins. Ihn musste ich jetzt wohl allein trinken.
 
Die erste Flasche war fast leer, als ich auf den Gedanken kam, dass Frederike Kempner meine Stimmung heben könnte. Ich holte zwei vergilbte, hundertzehn Jahre alte Gedichtbände aus dem Regal. Stunden vergingen und ich las sie halb und manchmal ungehemmt laut, dachte nur noch selten an Corinna. Die erste Flasche ging zur Neige. Zunehmend fand ich es schade, dass man Frederike kaum noch kennt. Man sollte sich bemühen, ihre Verse neu zu verbreiten. Vielleicht könnte man sogar neue Gedichte in Ihrem Stil schreiben, eine `Kempneriana´-Gattung begründen. Die zweite Rotweinflasche war halb leer, als mir der verwegene Gedanke kam, dass ausgerechnet  ich dazu berufen sei, damit zu beginnen. Ich setzte mich also an meinen Sekretär und überlegte, dass ich zunächst ein Gedicht an sie selbst schreiben könnte, in ihrem Stil natürlich  - und ohne dass ich viel nachdachte, flossen die folgenden Verse aus meiner Feder:
 
An Friederike
 
Du aßest täglich hausgemachte Suppen,
doch sahst Du dabei übern Tellerrand.
Du schautest in die Welt dahinter,
und was so im Journal zu lesen stand.
 
Hast dann zum Federkiel gegriffen,
um mutig Deine Zeit zu richten,
wo sie's verdiente, auch zu loben.
Das tatst Du rastlos in Gedichten.
 
Dir glückte manches schiefe Bild.
Ja, selbst der Kaiser musste lachen.
Doch immer war es Dir ganz ernst:
Die Menschen sollten's besser machen.
 
Den Parnaß hast Du nie erklommen,
fielst unterwegs stets in den Bach.
Doch Anlauf hast Du gut genommen,
nicht einmal nur, nein hundertfach.
 
 
Hier unterbrach ich. Meine Verse trafen die Wahrheit, waren aber doch etwas spöttisch geraten. ´Ich werde sie abzuschwächen´, sagte ich mir. Auf jeden Fall würde ich freundlichere Zeilen hinzufügen, um gerechterweise auch ihr soziales Engagement zu würdigen. Aber Müdigkeit überkam mich. Ich legte mich aufs Bett und schlummerte wohl ein.
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