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Und die Nachwelt? Die 'Kempneriana', eben jenes sorglose Reimen und das Ausmalen verfänglicher Bilder, sind in der Germanistik zum Synonym für kuriose Ausrutscher im ernst gemeinten Gedicht geworden. Unsere Poetin knüpfte mutig an Goethes Land der Zitronen an, wenn sie dichtete:
 
Kennst Du das Land, wo die Lianen blühn,
Und himmelhoch sich rankt des Urwalds Grün,
Wo Niagara aus dem Felsen bricht,
Wo Sonnenglut den freien Scheitel sticht?
 
Niemand, zu ihren Lebzeiten wie auch später, hat daran gezweifelt, dass hinter ihren Versen hehre Absichten standen, gab und gibt es doch viele Anzeichen dafür, dass sie im Glauben an die Mission ihres Schreibes nicht zu erschüttern war. Als "Meisterin des unfreiwilligen Humors" ist sie in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen. Sprachschnitzer und komische Bilder finden sich auch bei Größeren wie Schiller, Kleist, George und Rilke; sie unterlaufen Vieldichtern wie Freiligrath recht gern und bei waghalsigen Expressionisten wie dem jungen Franz Werfel braucht man nicht lange danach zu suchen. Bei Friederike Kempner aber wartet man geradezu darauf:
 
Von der Decke bis zur Diele
Muss der Schweiß herunter rinnen,
Willst gelangen Du zum Ziele,
Wohlverdienten Preis gewinnen.
 
Wie das Produkt unseres Schwitzens schwerkraftlos zur Decke aufsteigt, kümmerte sie wenig, so wie auch die Tatsache, dass sie  diese Zeilen eine offenkundige Anleihe bei Schillers Glocke machten.
 
Gut gemein aber eher erheiternd als befolgenswert  klingt  diese Ermahnung an selbstherrliche Kirchenmänner und streitbare Politiker:
 
In Konfession und Politik:
Parteienhass hat keinen Schick.
 
Und jenen Anarchisten, die nicht zurückschreckten, auf gekrönte Häupter, ja selbst auf ihren geliebten Wilhelm I., Mordanschläge auszuüben, gebot sie, so etwas zu lassen:
 
Niemals nützlich war der Mord
Und es gibt ein ew'ges Dort.
 
Besonders bei Themen, die sie besonders berührten. wurde ihre Botschaft allzu oft vom komischen Effekt überdeckt. So schleuderte sie, die ihrem Glauben treu gebliebene Jüdin, dem im letzten Drittel des Jahrhunderts spürbar anschwellenden Antisemitismus entgegen:
 
Anti-Anti-Semiten höret meinen Rat,
Heilet eure Leber, gehet nach Karlsbad.
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