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Sie habe viel gelesen, berichtete sie, den unermüdlichen Freiligrath, den Freiheitshelden Byron, das Vorbild Geibel und den weisen Preußen Fontane, mit persönlichem Interesse die tapfere Ebner-Eschenbach, gern auch den spritzigen Heine und, wie sich's gehörte, Goethe und Schiller. Mit besonderer Zuneigung, nicht nur aus Mitgefühl für seinen körperlichen Leiden, habe sie die Sprüche eines viel Älteren, des damals wieder entdeckten Lichtenberg, studiert. "Schreib also", drängte sie:
 
An G.C. Lichtenberg
 
Du hattest, großer Lichtenberg,
ein' Höcker und zwei krumme Beine -
Du warst kein Siegfried, eher Zwerg,
doch dein Verstand war  
                                         größer als der seine. 
 
Standst ungeschlagen am Katheder
und fingst wie Edison die Blitze,
doch heut bewundert Dich ein jeder
ob Deiner Weisheit
                                         und genialen Witze. 
 
Gäb' Gott mir Deinen Höckerich
zugleich mit Deinem Witz und Geist,
ich nähm' es an und freute mich,
was bei der Frau von heute
                                          schon was heißt.  
 
"Ich habe mein Leben lang Gedichte ersonnen," hörte ich sie fortfahren. "Dass ich auf 'Mensch' keinen Reim finden konnte, hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich versucht habe, diese Lücke zu schließen:
  
 
Kaum zu reimen
 
            Auf das deutsche Mensch,
den deutschen Menschen,
wurde nie ein Reim gefunden.
Aber wenn schon!
Trotzdem wird an seinem Wesen
Unsre  Welt gesunden
und mit Denk- und Dichterkraft
genesen. "
 
  
Sie stand auf, schaute zum Fenster, neigte den Kopf zur Seite, schien etwas mir Unhörbares zu vernehmen, nickte mehrmals und setzte sich wieder an meinen Schreibtisch. "Ich muss bald gehen", sagte sie, "möchte aber hinterlassen, dass zu meinen Lebzeiten niemand mich einschüchtern konnte." Ihre grünlichen Augen, die frühere Begegnungen zu sehen schienen, blickten unwirsch. "Natürlich habe ich erfahren," fuhr sie fort, "dass hämische Leute versuchten, mich durch die Gosse zu ziehen. Manche nannten mich die falsch singende ´Schlesische Nachtigall', besonders Boshafte den 'Schlesischen Schwan', wie jenen großen Vogel, der so unmelodiös kreischt." Aber sie habe es immer so gehalten, wie sie es in einem ihrer Gedichte ausgedrückt habe:
 
Einem Lästermaul ins Stammbuch

Oh, diese finsterböse Kreatur,
die lauthals über meine Zeilen lacht,
ob sie wohl ahnen kann, wie schwer
man Verse denkt und Reime macht?
Ich dichte fort und flüst're nur
das Preußenwort: Viel Feind, viel Ehr. 
 
  
Diese Zeilen hatte ich, wie von ihr diktiert, kaum zu Ende geschrieben, als es im Zimmer dunkler wurde. Aufblickend sah ich, wie die Gestalt vor mir transparent wurde und langsam verschwand, bis nur der leere Stuhl zu sehen war.
 
"Schade", sagte ich enttäuscht und in der Hoffnung, dass sie mich noch hörte, "ich hätte Diich gern länger dabehalten - gibt es noch andere ungeschriebene Gedichte von Dir?" Ob sie wohl wiederkommt, eines Nachts - die sich wandelnde, gütige Frau, in der Figur einer betörenden Fee oder, von mir aus, als reife, hörenswerte Dame, in ihrem goldenen Glorienschein?
 
Ich warte noch heute auf sie.
 
 
 Fortsetzung Seite 12