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Jetzt lachte Sie auf. In ihrer Nachbarschaft, so berichtete sie, habe es eine streitbares Mädchen gegeben, das jede Gelegenheit nutzte, sich über die Benachteiligung 'des Weibes' zu ereifern. Bachofens 'Mutterrecht' habe damals vielen jungen Gebildeten imponiert. Frederike erlebte, wie jenes Fräulein mit ihrem älteren Bruder, einem Kadidaten der Theologie, über das Geschlecht der Engel stritt. Am nächsten Tag hat die Dichterin den beiden die folgenden Verse geschickt:
 
 
. . . . ncht wie wir
 
Unbedachte Menschen fragen:
Engelswesen, sind sie männlich
Oder sind sie durchweg weiblich?
Dumm gedacht und sozusagen
irdisch, ohne jeden Weitblick!
 
Sahst du Engel je gebären?
Hat man Engel zeugen sehn?
Engel gibt es zwar in Heeren,
doch sie artgerecht zu mehren,
brauch´s nicht wie wie bei uns zu gehn.
 
Darf man unsern Riss genau
auf die Engel übertragen?
Engel sind nicht Mann und Frau,
alle gleich und sozusagen
ganz von transzendentem Bau.
 
Und ein Engel ist nur echt,
hat und will er kein Geschlecht.
Also: Engel sind neutral. -
Damit basta, ein für alle Mal. "
 
Meine hell umstrahlte Besucherin - jetzt trug sie wieder eine Jacke mit unterlegten Schultern, dazu einen Glockenrock, den sie sittsam über die Fessel gezogen hatte - berichtete nicht ohne Stolz, dass sie auch manche Anweisung an ihr Dienstpersonal in Reime gekleidet habe. Die meisten der so gezielten  Gedichte verdienten nicht, überliefert zu werden, doch das folgende hätte wohl bleibenden Wert:
 

Kleine Dinge, unentbehrlich
 
Verachtet mir den nassen Lappen nicht, 
er tut auch  morgen seine Pflicht,
wird er gesäubert und ganz trocken.
 
Verachtet nicht die Löcher in den Socken,
man kann sie kunstvoll und geduldig stopfen.
Verachtet nicht den Gummiabflußpfropfen,
 
denn wird er seines Amts nicht walten,
wie wollten Wannen wohl das Wasser halten?
Verachtet nicht die unscheinbaren Dinge,
 
die Schlüssel- und die Vorhangsringe,
den Knopf, den Docht, das kleine Licht.
Verachtet mir das Unscheinbare nicht. "
 
 Fortsetzung Seite 11