Vorbemerkung:
Im vorliegenden  Menü-Angebot werden, anders als sonst in dieser Homepage, auch Verse aus fremder Feder zitiert. Ihre Verfasser sind zum größeren Teil Mitwirkende der „Klapphornclique“ (
www.klapphornclique.de
), einem Forum das sich um den „Erhalt und die Pflege“ von witzigen Kurzgedichten bemüht.



WAS IST EIN KOMISCHES EPIGRAMM ?

Es begann elegisch und besinnlich. Im alten Griechenland war das Epigramm ursprünglich eine kurze Aufschrift auf Grabsteinen und Weihegeschenken. Eigenständige Dichtungsgattung wurde es im 4. Jahrhundert v.Chr., vor allem durch  Simonides von Keos, dessen bekanntestes Epigramm in das Mahnmal für die Gefallenen der Thermophylen eingemeißelt war: „Wandrer kommst du nach Sparta, verkünde, du habest uns liegen sehn, wie das Gesetzt es befahl.“ (So die vereinfachte Übersetzung).

Neben dem gedenkenden und besinnlichen, dem sogenannten elegischen Epigramm, trat früh auch dessen konträre Spielart, das komische Epigramm auf, das in langen Abschnitten der späteren europäischen Literatur dominierte. Dieses satirische oder einfach nur spaßige Epigramm soll uns hier besonders interessieren.  In der deutschen Literatur brachte das Barock mit seinem Hang zum antithetischen Formspiel seine erste Blüte. Gottfried Ephraim Lessing hat ihm im  18. Jahrhundert ein theoretisches Rüstzeug gegeben, das noch heutige Autoren beeinflusst. Nach ihm besteht das komische Epigramm aus zwei Teilen, der erste  soll die „Erwartung“ des Lesers wecken, der zweite ihn  mit einem „pointierten Aufschluss“ überraschen. Das Epigramm muss lapidar sein, so kurz wie der Gegenstand es zulässt, es soll sich seine Wirkung aus These und Antithese, aus Spruch und Widerspruch beziehen  und, wo es „ der Sitte“ dient, es lachend tun.

Ein Zeitgenosse von Lessing, Johann Gottfried Herder, hat gegen diese ausschließlich komische Auslegung protestiert und empfohlen, auf das in der Antike ursprüngliche, elegische Epigramm zurückzukommen: „Die Seele des griechischen Epigramms ist die Mitempfindung.“ Auch in 19. und 20. Jahrhundert wurden elegische Epigramme in ansehnlicher Zahl geschrieben, aber zunehmend hat sich die komische Diktion durchgesetzt.  Es wäre freilich falsch, allen Epigrammen das Etikett elegisch oder komisch anzuheften, geschweige denn,  einen Autor durchgehend für die eine oder andere Richtung zu vereinnahmen.  Dazu sind die Themen und Ziele der Epigramme zu verschieden.

Gegenwärtig, zu einer Zeit, in der man Sprichwörter lieber parodiert als wortgetreu zitiert,  dominiert auch im Epigramm eindeutig der kritische Stil. Namhafte Dichter und Humoristen wie Erich Kästner, Heinz Erhardt, Mascha Kaléko oder Robert Gerhardt haben zwischen  ihre längeren Gedichte auch  epigrammatische Verse in der Tradition Lessings gesetzt -  die ins Kraut schießenden „Selbstbezahlt-Bände“ wenig bekannter Autoren sind voll davon.  Das komische Epigramm ist zwangloser  geworden. Im Metrum war es schon lange frei. Auch wird heut die einstimmende Überschrift oft weggelassen, was voraussetzt, dass sich das Thema aus dem Vers erschließen lässt.  Viele  neuere Epigramme unterscheiden  sich allein durch Reim und Zeilenumbruch vom Aphorismus.

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Eine Warnung an „beginners“ und Schnelldichter:  Im Zeitalter der „Books-on-demand“ ist zwar  der Druck, nicht aber das Dichten leichter geworden. Besonders das heitere Kurzgedicht hat seine Tücken. Effektvoll wird es erst durch einen leicht erschließbaren Text und die  gradlinige Hinführung auf die Pointe. Jeder  Witz ist geschmacks-, oft situationsgebunden, ohne Übertragungs-Garantie.  Das gilt für alle kurzen und zugleich scherzhaften Verse. Kommen Witz und die Botschaft an, ist die Pointe gut vorbereitet, überrascht sie wirklich? Oder ist sie abgeschmackt, verbraucht, wirkt sie diffamierend?  Der Text kann auf  seinen Autor, der ihn mit festem Bild und Inhalt verbindet, gänzlich anders wirken als auf den unbefangenen Leser. Glücklich, wer kritische Freunde hat und ihr Urteil einholen kann, bevor er seine Verse veröffentlicht.

Es kostet viel Mühe und Selbstkontrolle, einen kurzen Text plausibel und einsichtig zu schreiben.  Andreas Gryphius hat das  schon vor 350 Jahren gewusst:




Und der Humorist Heinz Erhardt, der sicherlich Bescheid weiß, wie es beim Dichten zugeht, verrät uns:

In nur vier Zeilen was zu sagen
erscheint zwar leicht, doch ist es schwer!
Man braucht ja nur mal  nachzuschlagen:
Die meisten Dichter brauchen mehr.

 Erich Kästner hat es sogar in zwei Zeilen und acht Worten geschafft:       Es gibt nichts Gutes,
                                                                                             außer man tut es.
   

 


© Werner Hadulla